02.07.2002

Gasexplosion und Erbeben fordern alle Kräfte der THW-Helfer

Alles Aufstehen, EINSATZ! Mit diesen Worten begann der erste Übungsabschnitt an diesem Wochenende des Ortsverbandes Lübbecke vom Technischen Hilfswerk. Schon am frühen Abend trafen sich die Helfer an der Unterkunft ein, um die letzten Vorbereitungen für die diesjährige Großübung zu treffen. Die 42 stündige Übung die am Freitag, den 28.06.02 begann und am Sonntag, den 30.06.02 endete verlangte die Mobilisierung aller Kräfte um dieses Ereignis erfolgreich zu bestehen.

Nachdem sich die Helfer am Abend des 28. gegen 22:30 Uhr zur Ruhe begaben, kam um zwei Uhr morgens die Alarmmitteilung: „Explosionsgeräusch im Landwirtschaftlichen Betrieb Meyer“. Da der Ortsverband unverzüglich aufbrach, waren bereits eine halbe Stunde später beide Bergungsgruppen, sowie die Fachgruppe Infrastruktur vor Ort. Zugführer Stephan Blotevogel verschaffte sich sogleich einen Überblick über den Ernst der Lage. Ihm wurde vom Übungsleiter das Szenario erklärt mit dem es die Fachkundigen Helfer in dieser Nacht zu tun haben sollte. Eine Frau habe sich gemeldet und mitgeteilt, dass sie einen Knall auf dem Gelände des Landwirtschaftlichen Betriebes Meyer gehört hätte und daraufhin sogleich das THW verständigt habe. Rettungsorganisationen wären verständigt, kämen aber erst zu einem späteren Zeitpunkt an. Da das THW als erstes den Einsatzort erreichte, musste schnell gehandelt werden. Dies überblickte Zugführer Blotevogel schnell und entsandte drei Gruppen, die die Schadensstelle erkunden und eventuell verletzte oder tote Personen auffinden sollte. Durch die schnelle Erkundung wurde sehr schnell klar, dass nicht jede verletzte bzw. tote Person mit einfachen Mitteln geborgen werden konnte. Im Bereich des Geländes auf dem Stallerrichtungen gebaut werden, war eine Person in eine Traktorwelle geraten, eine andere lag eingeklemmt unter einem Gabelstapler. Eine weitere Person befand sich eingeklemmt unter einem Kalkstreuer der sich überschlagen hatte, sowie einer Person, die in eine Kreissäge geraten war und dadurch beide Beine verloren hatte. Da noch keine Rettungswagen und Notärzte eingetroffen waren, musste ein Krankenablageplatz geschaffen werden, an dem verletzte Personen ihre Erstversorgung bekommen konnten. In dem Landwirtschaftlichen Teil des Unternehmens sah es nicht viel besser aus. Zwei Kinder waren beim Spielen in einen so genannten Getreidesumpf geraten, wo sie von dem Knall so überrascht wurden, dass sie sich nicht mehr rühren konnten vor Angst. Eine Frau war vor Schreck in einem ca. 6-7 Meter hohen Silo gefallen und klagte über Rückenprobleme. Eine weitere Person wurde beim Stapeln von Strohballen mit einem Bobcat von der Explosion überrascht und von einem Strohballen schwer getroffen. Eine letzte Person lag mit einer offenen Beinfraktur verschlossen hinter einer 25 cm dicken Betonwand und benötigte dringend medizinische

Man spürte von Beginn an, dass hier auf sehr viel Realismus geachtet wurde, um nicht den Einruck einer Übung sondern einer realistischen Schadenssituation zu schaffen. So hörte man schon während der Erkundung Opfer der Explosion schreien und um Hilfe flehen. So musste auch sehr schnell mit den Rettungsmaßnahmen begonnen werden. Die beiden Bergungsgruppen kümmerten sich Hauptsächlich um den Teil des Geländes auf dem die Stalleinrichtungen hergestellt werden, während die Fachgruppe den Landwirtschaftlichen Betrieb versorgte. Hier stießen später die Bergungsgruppen hinzu, die schneller als erwartet mit den vier Verletzten ihres Arbeitsbereiches fertig wurden. Die Person, die in die Kreissäge geraten war, konnte trotz der intensiven Bemühungen der Helfer nur noch tot geborgen werden. Der Mann in der Traktorwelle konnte schnell geborgen werden und wurde am Verbandsplatz fachmännisch versorgt. Da das Anheben schwerer Lasten wie z.B. der schwere Kalkstreuer sowie der Gabelstapler eine Spezialität der Bergungsgruppen ist, konnte die Rettung dieser Personen mit zu Hilfenahme von hydraulischen Hebewerkzeug und Zahnstangenwinde, einem Wagenheber ähnlichem Gerät, erfolgen. So ahnten die Helfern aber auch bereits zu diesem Zeitpunkt, dass die schwierigsten Aufgaben noch vor ihnen Lagen.

Die verletze Frau im Silo durfte nur unter größter Vorsicht geborgen werden, da schwere Rückenverletzungen nicht auszuschließen waren. So mussten sich zwei Helfer in den engen Silo hinab lassen, damit die verletzte Frau ihre so dringend benötigte Erstversorgung bekam. Nachdem die Frau stabil genug für die Rettungsaktion war, um aus dem engen Trichter befreit zu werden, wurde ein Schleifkorb heruntergelassen. In diesem ist die Frau stabil und Bewegungssicher befestigt worden, der dann wieder vorsichtig nach oben gezogen wurde. Dies gestaltete sich ebenfalls schwieriger als erwartet, da sich in dem Silo viele Verstrebungen befanden, was die Bergung nicht gerade erleichterte. Zur gleichen Zeit begannen drei weitere Helfer damit, die beiden Kinder aus ihrem „Gefängnis“ mit eher einfacheren Methoden zu befreien. Eine einfache Brechstange bereits verrichtete seinen Dienst und verhalf den beiden Kindern zur Freiheit. Die Person die von einem Strohballen getroffen wurde, konnte leider nur noch tot geborgen werden. Der Person mit dem offenen Beinbruch konnte wieder schneller geholfen werden, indem mit technischem Gerät ein Durchbruch durch die Betonmauern erfolgte, durch den die verletzte Person sicher geborgen wurde.

Dies alles geschah unter den akribischen Augen der Schiedsrichter und Beobachter, die dafür sorgten, dass die Übung ordnungsgemäß und nach den wünschen der Übungsorganisatoren Dejan Vidovic und Jürgen Dieckhoff, der gleichzeitig die Leitung für dieses Übungsabschnitt übernahm, durchgeführt wurde. Nachdem zum Ende hin noch Zeit bestand wurde auch noch der Kalkstreuer wieder aufgerichtet, indem er mit Hilfe einer Seilwinde am Fahrzeug der 1. Bergungsgruppe wieder in die richtige Position gebracht wurde.

Gegen 6:30 Uhr morgens, waren nach Beendigung der Übung alle technischen Geräte wieder auf die Fahrzeuge verlastet und die Heimreise zur Unterkunft konnte angetreten werden. Neun mehr oder weniger schwer verletze Personen konnten, durch die schnelle Hilfeleistung des Ortsverbandes, innerhalb weniger Stunden geborgen werden.

Nach einem ausgiebigen Frühstück trafen sich Helfer und Übungsleiter zu einer Nachbesprechung, in der schon jetzt ein kleines Resümee gezogen wurde, welche positiven und negativen Aspekte während der Nachtübung aufgefallen waren.

Um 13:15 hieß es nach einer kurzen Ruhephase auch schon wieder: „Aufsitzen, Vollständigkeit und Funkgeräte überprüfen, Abfahrt Richtung Augustdorf“. Der Ortsverband Lübbecke bekam von der deutschen Bundeswehr die Möglichkeit geboten, auf dem Gelände der „Rommel – Kaserne“ in Augustdorf eine Übung durchzuführen. Dies wurde dann auch sehr gerne wahrgenommen. Nach bereits einer 1 ¾ Stunde traf der Zug an der Kaserne ein.

Dort musste sich erst einmal einem Helfer gewidmet werden, der, anscheinend aufgrund der Nachtübung in der Landwirtschaftlichen Einrichtung, eine Allergische Reaktion zeigte. Das Getreide schien dem Helfer übel mitgespielt zu haben. Mit zwei weiteren Helfern als Unterstützung wurde der Helfer nach Hause gebracht und dort intensiv behandelt.

Es blieb den Helfern allerdings kaum Zeit sich um ihren Kameraden sorgen zu machen, da die Übung sogleich begann. Übungsleiter Dejan Vidovic erklärte Zugführer Blotevogel die Sachlage. Die Bundeswehr hat nach einem Erbeben auf dem Kasernengelände das Technische Hilfswerk um Unterstützung gebeten. Zwei Gebäude sollten gesichert und nach Verletzten Personen durchsucht werden. Außerdem stand ein Kellerraum nach einem Leitungsbruch unter Wasser, sollte ausgepumpt und trocken gelegt werden.

Nach einer kurzen Besprechung mit seinen Gruppenführern, teilte Blotevogel die einzelnen Gruppen auf und wies ihnen ihre Arbeitsbereiche zu. Die Fachgruppe Infrastruktur kümmerte sich um den überfluteten Keller, indem zuerst der Keller nach Personen durchsucht und anschließend mit Schmutzwasserkreiselpumpe leer gepumpt werden sollte. Die Bergungsgruppen teilten sich unterdessen auf die beiden Häuser auf und begannen, diese zu durchsuchen. Ein Szenario, das sich die Übungsorganisatoren überlegt hatten, sorgte bei den Bergungshelfern für extra Realismus: Nachdem eine Person in einem umliegenden Schacht entdeckt wurde und mit der Erstversorgung begonnen werden sollte, meldete die verletzte Person ausströmendes Gas und wurde kurz darauf bewusstlos. Nun galt es schnell zu handeln. Die Suchtruppen entfernten sich sofort von der Gefahrenstelle, da nicht feststellbar war, welche Gasstoffe dort auf den Verletzten einwirkten und kein Risiko für die Helfer eingegangen werden durfte. Es wurde sich sofort mit dem Übungsleiter in Verbindung gesetzt. Von diesem bekam Zugführer Blotevogel nun die Mitteilung, dass sich im Kellerräumen Kampfstoffe der Bundeswehr befinden, welche betäubend und zur sofortigen Bewusstlosigkeit führen. Dieses Gas ist schwerer Luft, sodass die Kellerräume mit diesem Gas erfüllt sind. Die nächsten Schritte waren zwingend. Ein Trupp mit schwerer Atemschutzausstattung musste die verletzte Person bergen. Schon wenige Minuten später standen drei Helfer mit Sauerstoffflaschen und Masken bereit um in den engen Schacht, sowie in die Kellerräume einzutreten. Mit Hilfe dieser Atemschutzausstattung war es dann kein Problem mehr, die verletzte Person aus dem Schacht zu befreien. Eine weitere Person konnte allerdings auf Grund ihrer schweren Verletzung nur noch tot aus den engen Kellerräumen geborgen werden. Zwei weitere Personen wurden aus dem ersten und dritten Stockwerk, mit Hilfe von Schleifkorb und Leitern gerettet werden.

Nachdem alle Rettungsmaßnahmen beendet und die Gebäude freigegeben werden konnten, wurden alle Gerätschaften wieder ordnungsgemäß auf den Fahrzeugen verlastet. Nun konnte sich der Zug wieder in Bewegung setzen und die Unterkunft des Ortsverbandes ansteuern.

Der Übungsleiter und die Schiedsrichter waren nach diesem Übungsabschnitt noch zufriedener mit ihren Helfern. „Die Helfer waren während der Tagübung noch schneller als wir eigentlich erwartet haben“, so Schiedsrichter Dieckhoff. „Alle Verletzten wurden schnell und präzise geortet, erstversorgt und geborgen. Auch Übungsleiter Vidovic zeigte sich zufrieden. „Dieser Abschnitt verlief noch besser als die Nachtübung“, so Vidovic in der Nachbesprechung. „Es gibt zwar hier und da noch kleine Fehler,  die bei der Durchführung der Übung gemacht wurden, diese können aber während der Ausbildung in naher Zukunft besprochen und beseitigt werden“.

Der Abend wurde nach diesen teilweise sehr schwierigen Übungsszenarien mit einem Abschlussgrillen und einem feucht-fröhlichem Umtrunk beendet. Der nächste Tag war sehr schnell abgeschlossen, da nur noch die Unterkunft gesäubert und die allgemeine Einsatzbereitschaft wieder hergestellt werden musste.

Während der ganzen Übung galt ein besonderer Dank, der Lübbecker THW Jugendgruppe, die unermüdlich während der Nacht, sowie der Tagübung in Augustdorf als Mimen in Erscheinung traten. Dies war dann auch nicht immer einfach, da Kälte und die lange Zeit, die sie in ihren Positionen verharren mussten, den 6 Helfern zu schaffen machte.




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